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Sprachkurse

Erprobung neuer Lernformen für Frauen mit Migrationshintergrund

Der AWO – Kreisverband Salzgitter-Wolfenbüttel führt seit ca. 6 Jahren im Salzgitteraner Ortsteil Fredenberg Sprachkurse für Frauen mit Migrationshintergrund durch. Fredenberg hat einen hohen Anteil von BewohnerInnen mit unterschiedlichem Migrationshintergrund. Die Sprachkurse werden überwiegend von muslimischen Migrantinnen besucht, die als Muttersprache überwiegend türkisch, aber auch kurdisch, tunesisch, albanisch, serbisch oder arabisch haben. Viele sind bildungsungewohnt, auch Analphabetinnen sind dabei.
Wir reagieren mit unserem Angebot auf die Beobachtung, dass diese Frauen aus verschiedenen Gründen nicht an „offiziellen“ Kursen, z.B. der VHS, teilnehmen können. Einige Frauen haben Ängste, sich in Salzgitter über die Grenzen ihres Ortsteils hinaus zu bewegen, haben keine Erfahrungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder können auch nicht Fahrrad fahren. Andere sind einfach zu unsicher, um in öffentliche Räume zu gehen. Wieder andere kennen nicht unser System von Bildung und die damit verbundenen Anforderungen:

-Zugänglichkeit der Informationen über das Angebot (viele der Migrantinnen lesen keine Ankündigungen oder können gar nicht lesen bzw. fehlt ihnen eine Vorstellung, wie ein Deutschkurs aussehen könnte)
-Anmeldung bei einem Kursanbieter
-Angebote kosten Geld
-Erwartungen an die Teilnehmerinnen im Hinblick auf pünktliche und regelmäßige An-wesenheit
-Kenntnisse der Schriftsprache (beginnt mit Ausfüllen einer Teilnahmeliste)
-Kinderbetreuung muss gesichert werden
-Grundlagen des schulischen Lernens (lochen, abheften, Vokabeln lernen, zu Hause lernen)
Manche Frauen erhalten von ihren Männern nicht die Zustimmung, einen Kurs zu besuchen.

Als Problem wurde die Unkenntnis der deutschen Sprache bei Migrantinnen zunächst in Kitas und Schulen sichtbar. ErzieherInnen und LehrerInnen sind in der Erziehungspartnerschaft mit Eltern auf den Dialog angewiesen. Mütter, die ihre Kinder in dieser Hinsicht nicht unterstützen können, leiden häufig darunter. Die Kinder wiederum sind ohne eine Hilfe im Bildungssystem von Beginn an benachteiligt. Die Mütter haben ohne deutsche Sprachkenntnisse natürlich außerdem in vielen Lebensbereichen große Einschränkungen.
Im Stadtteilzentrum bekommen die Migrantinnen Angebote, die sie wahrnehmen können:
-die Kurse sind in ihrem Wohnquartier
-es sind bekannte Räume oder zumindest in befreundeten oder verwandten Familien bekannte Räume
-Pünktlichkeit und regelmäßige Anwesenheit werden erwartet, es gibt aber eine hohe Toleranz in der Phase der Gewöhnung an diese Regeln
-Die Information geht über Mund-zu-Mund-Propaganda, möglich durch das bestehen-de Netzwerk von Migrantinnen, die schon Vertrauen in AWO-Angebote haben
-Ein organisatorischer Rahmen wird langsam aufgebaut. Die Frauen lernen, eine Teil-nahmeliste auszufüllen, ihre Anwesenheit zu dokumentieren u.ä.
-Die Kurse sind kostenfrei, sie werden über verschiedene Projekte finanziert
-Eine Kinderbetreuung ist gesichert
-Auf familiäre Belange nehmen wir Rücksicht
-Grundlagen des Lernens werden vermittelt
-Ein Verbot, die Muttersprache zu sprechen, gibt es nicht, Kurssprache ist aber Deutsch
-Dadurch, dass Ehemänner das Stadtteilzentrum kennenlernen können und wissen, wohin ihre Frauen gehen, dürfen die meisten teilnehmen
Zu Beginn eines Kurses, bei den Anfängerinnen oder bei Analphabetinnen, setzen wir Frauen mit Migrationshintergrund als Dozentinnen ein. Diese sind in der Regel türkisch-sprachig. Begleitend sollen möglichst alle Teilnehmerinnen am „Frauentreff“ teilnehmen. Hier gibt es wöchentlich einen Austausch, oft auch mit ReferentInnen, und die Frauen haben Gelegenheit, ihre Sprachkenntnisse in geschütztem Rahmen zu testen. Immer wieder werden dazu, finan-ziert mit Projektmitteln, weitere Angebote, z.B. Bewerbungstraining, Selbstbehauptungstraining oder Gesundheitsangebote, gemacht. Ausgehend von den Deutschkursen lernen die Teil-nehmerinnen viele verschiedene Institutionen in Salzgitter kennen.
Im Jahr 2011 besuchten wöchentlich 50-60 Frauen unsere Deutschkurse. Ziel im Bereich des Spracherwerbs ist die Teilnahme an Sprachprüfungen nach europäischem Referenzrahmen, die die Volkshochschule zunächst in unseren Räumen anbietet (A1 und A2 Prüfungen). Später fahren die Frauen dann nach Braunschweig zur Prüfung. Über den Spracherwerb hinaus er-reichen wir natürlich mit diesem Ansatz eine Netzwerkbildung im Stadtteil, die Teilnehmerin-nen bekommen viele Informationen, ihre Einbindung in soziale Systeme und Institutionen steigt erheblich und es gibt Schritte Richtung Arbeitsmarkt.
Innovativ ist hier die konsequente Orientierung am Erfahrungshintergrund der Teilnehmerin-nen. Dieser Ansatz ist sozialarbeiterisches Basiswissen, das aber oft nicht zur Anwendung kommt. Wir versuchen einen Perspektivwechsel weg von der Orientierung an unseren Lernsys-temen hin zu dem, was die Teilnehmerinnen mitbringen. Wir werden uns darüber klar, wel-che kulturelle Voraussetzungen benötigt werden, um die Angebote zum Deutschlernen, die es ja gibt, annehmen zu können, Abläufe, die uns selbstverständlich sind und die wir deshalb zu wenig hinterfragen: Innovativ ist also das konsequente Prüfen des kulturellen Erfahrungshin-tergrunds, den wir voraussetzen, wenn wir Angebote für Menschen aus anderen Kulturen ma-chen, den wir aber nicht einfach als vorhanden voraussetzen dürfen. Es ist außerdem ein Per-spektivwechsel weg von der „einspurigen“ Vermittlung von Wissen von einer Seite an die an-dere. In der Kinder-Pädagogik wissen wir inzwischen, dass unsere Aufgabe die Unterstützung und Bereitstellung von Möglichkeiten ist und wir orientieren uns dabei am einzelnen Kind. Wir beobachten Kinder gezielt und entwickeln daraus pädagogische Maßnahmen. Diese Methode übertragen wir auf die Erwachsenenbildung. Wir beobachten, was die Migrantinnen, die zu uns kommen, brauchen und bieten es ihnen an oder versuchen ihnen zu vermitteln, warum wir etwas so machen, wie wir es machen.
Im Rahmen der Deutschkurse und der anderen sich daraus entwickelnden Maßnahmen ko-operieren wir mit dem Stadtteilmanagement und dem Referat für Stadttentwicklung, dem Job-center, den Fachdiensten Soziales, Bildung und Integration sowie Kinder, Jugend und Familie, dem Bildungsträger bfw, dem soziokulturellen Träger Fredenberg Forum, Schulen, Kitas, der örtlichen Wohnungswirtschaft und anderen Wohlfahrtsverbänden. Mit diesem Netzwerk sor-gen wir dafür, dass das Projekt an bestehende Strukturen anknüpft und nachhaltig ist, dass es tatsächlich Lebenslagen von Menschen verändert. Nachhaltigkeit wird oft, auch von Mittelge-bern, gewünscht, ist aber oft nicht bis zum Ende durchdacht. Nachhaltigkeit entsteht nur in einem längerfristigen Kontext. Es braucht stabile Netzwerke, Beziehungen unter den Akteuren, Vertrauen nicht nur von Seiten der NutzerInnen, sondern auch zwischen Stadt, Trägern, Ver-mietern, Jobcenter… In diesem Sinne entsteht Innovation da, wo es stabile Strukturen gibt, aus denen heraus eine Beobachtung sozialer Gegebenheiten möglich ist und wo es vor Ort die personellen und materiellen Ressourcen gibt, aus dieser Beobachtung innovative Maß-nahmen zu entwickeln.
 
Zwei Beispiele
Frau K. fing vor ein paar Jahren als Hausfrau und Mutter von drei Kindern ohne Sprach-kenntnisse mit dem ersten Sprachkurs an. Inzwischen hat sie die B1-Prüfung abgelegt und arbeitet in Form von Bürgerarbeit als Stadtteilmutter im Stadtteilzentrum. Ihre Aufgabe ist die Beratung bei Problemen mit Formularen und im Auftrag der Stadt Salzgitter besucht sie mit dem sogenannten Babybegrüßungspaket der Stadt die Eltern von Neugeborenen. Im nächs-ten Jahr beginnt sie gemeinsam mit einer anderen Stadtteilmutter ein Projekt, in dem die Situ-ation migrantischer Krankenhauspatientinnen verbessert werden soll.
Frau U. hat fünf Kinder und war Analphabetin, als sie mit dem Sprachkurs anfing. Sie hatte einen ungesicherten Aufenthaltsstatus. Es ist zwar immer noch nicht endgültig geklärt, ob die Familie hier bleiben kann, aber inzwischen hat Frau U. ein Basiswissen in Lesen und Schrei-ben erworben, hat die A2-Sprachprüfung gemacht, einen 18-monatigen Kurs in Hauswirt-schaft besucht und arbeitet jetzt, ebenfalls in Bürgerarbeit, im Stadtteilzentrum. Dort ist sie für den Begegnungsbereich zuständig, d.h., sie empfängt die BesucherInnen und sorgt für das Catering.
 

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